Alphabetisierung

In der Fachliteratur wird der Anteil der lese- und rechtschreibunkundigen Menschen in der BRD auf  4-15 % geschätzt, in den Justizvollzugsanstalten des Landes auf ca. 20 %.

Alle Wünsche und Forderungen in einer JVA müssen schriftlich per Antrag gestellt werden:

Besucherscheine, Anträge für die Aushändigung von elektrischen Geräten, Anträge für erforderliche Gespräche, etc.

So muss der Gefangene, der nicht lesen und/oder schreiben kann, sich immer wieder der beschämenden Situation aussetzen, einen fehlerhaften bzw. in schweren Fällen einen nahezu unleserlichen Antrag auszufüllen oder aber sich in permanente Abhängigkeit von anderen Gefangenen begeben, die das für ihn erledigen und sich dafür in „Knastwährung“ bezahlen lassen.

Meistens ist das Selbstbild der Analphabeten geprägt von Versagensängsten, Unterlegenheitsgefühlen und daraus folgendem Kompensationsverhalten, das sich entweder in resignativem Rückzugs- oder aggressivem Abwehrverhalten äußern kann.

Oberstes Ziel im Strafvollzug ist Resozialisierung, d.h. der Gefangene soll befähigt werden, künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen.

Unterstützend bietet der Verein daher einen Alphabetisierungskurs für inhaftierte Männer und Frauen in der Justizvollzugsanstalt Lübeck an. Der Kurs ist Teil des schulischen Angebots und findet somit in den Räumlichkeiten der Schule der JVA statt. Er wird von einer Lehrkraft geleitet und umfasst wöchentlich 20 Schulstunden.

Den so genannten funktionalen Analphabeten soll hier die Möglichkeit gegeben werden, ihre mangelhaften Lese- und/oder Rechtschreibfertigkeiten im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu verbessern.

Dies sind in der Regel Menschen, die die Pflichtschulzeit des deutschen Regelschulsystems   durchlaufen haben, aber aufgrund einer Lese- und Rechtschreibschwäche und ungünstiger familiärer Faktoren nicht befähigt wurden, in ausreichendem Maß lesen und schreiben zu lernen, um die Anforderungen, die  die Gesellschaft an sie stellt, angemessen erfüllen zu können.

Durch den Besuch des Kurses werden die Teilnehmer sehr deutlich mit ihren Schwächen konfrontiert.

Gleichzeitig erfahren sie in dieser Lerngemeinschaft  durch Stärkung der Eigeninitiative und partnerschaftliches Arbeiten, dass sie durchaus noch lernfähig sind.  Lernblockaden werden abgebaut und ihr Selbstwertgefühl allmählich aufgebaut im respektvollen Miteinanderlernen.

Dieses weist auf die Vermittlung weiterer Lernziele innerhalb der Alphabetisierung in der JVA hin, nämlich auf die in der heutigen Gesellschaft geforderten so genannten Schlüsselqualifikationen wie z.B. Zuverlässigkeit und Fähigkeit zur Zusammenarbeit – also den Erwerb sozialer Kompetenzen.

Gabriele Dunker
Lehrerin

 

Kontakt:

Gabriele Dunker, Lehrerin

Rechtsfürsorge e.V. Resohilfe
Kleine Kiesau 8
23552 Lübeck

info@resohilfe-luebeck.de

Tel
0451-799 19 0
Fax 0451-799 19 15